Wiederansiedlung

Der Bartgeier war lange Zeit als gefährlicher Beutegreifer verrufen und wurde intensiv verfolgt, bis er anfangs des 20. Jahrhunderts  gänzlich aus den Alpen verschwand. Heute ist dieses falsche Bild korrigiert, und der imposante Alpenbewohner ist wieder bei uns heimisch. Dies dank einem Wiederansiedlungsprojekt, das 1986 seinen Anfang in Österreich nahm. Obwohl das Projekt inzwischen grosse Fortschritte gemacht hat, ist die Wiederansiedlung noch nicht abgeschlossen.

Der Bartgeier - eine lang verkannte Art

Der Bartgeier ist ein harmloser Aasverwerter, der im 18. Jahrhundert in den Alpen noch weit verbreitet war. Aufgrund seiner Grösse und seiner imposanten Erscheinung, mit dunklem Bart und scharfem Schnabel, hat man dieser Art aber über lange Zeit einiges zugetraut. So wurde der Bartgeier selbst in naturwissenschaftlichen Lehrbüchern lange als blutrünstiger Gyr beschrieben. In einem Lehrbuch für Naturgeschichte aus dem 19. Jahrhundert  schreibt der Gelehrte Gotthilf Heinrich Von Schubert: „ … er besitzt eine ungeheure Muskel-Stärke, so dass er mit Leichtigkeit Lämmer, Ziegen, selbst Kinder in den Krallen von einem Berge zum anderen trägt.“

Ein schlechter Ruf wird dem Bartgeier zum Verhängnis

Der schlechte Ruf des Bartgeiers trug dazu bei, dass diesem Greifvogel stark nachgestellt wurde. Mit dem verbreiteten Aufkommen von Feuerwaffen und für damalige Zeiten respektablen Abschussprämien wurden die Bartgeier im 19. Jahrhundert stark zurückgedrängt. Vergiftete Köder wurden gegen Füchse und Wölfe ausgelegt und mitunter von Bartgeiern gefressen. Die Bestände wilder Huftiere, welche die Nahrungsgrundlage bildeten, gingen zurück. Alle diese Faktoren trugen zum Verschwinden des Bartgeiers bei. Der letzte Abschuss eines Bartgeiers im Alpenraum ist aus dem italienischen Aostatal im Jahr 1913 dokumentiert.  

Kaum verschwunden, schon vermisst

Schon anfangs des 20. Jahrhunderts wurde das Verschwinden des Bartgeier in einigen Kreisen bedauert und diskutiert diesen eindrücklichen Alpenbewohner im Schweizerischen Nationalpark wieder anzusiedeln. Ein erster tatsächlicher Versuch erfolgte jedoch erst Anfang der 70er Jahre durch Paul Geroudet und Gilbert Amigues in den französischen Alpen. Damals wurden Bartgeier freigesetzt, die in Afghanistan eingefangen und nach Europa transportiert wurden. Hohe Verluste und Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Tieren ließen dieses Vorhaben vorzeitig scheitern.

Die Bartgeierzucht als Schlüssel zum Erfolg

Das heute noch laufende Projekt zur Wiederansiedlung des Bartgeiers wurde 1978 in Morges am Genfersee gegründet. Fachleute aus Frankreich, Italien, Österreich, Deutschland und der Schweiz beschlossen damals, dass statt eingefangene Tiere aus noch bestehenden Wildpopulationen  junge Bartgeier aus Zoos und Tierparks für die Auswilderung genutzt werden sollen. So konnte umgangen werden, dass bestehende Wildbestände durch Entnahmen geschwächt und gefährdet werden. Zudem wurde erkannt, dass die Auswilderung von ganz jungen Bargeiern aus der Zucht, vielversprechender ist, als die Freisetzung eingefangener Wildtiere.

Hacking – eine erfolgreiche Methode zur Wiederansiedlung

Die Wiederansiedlung des Bartgeiers basiert auf der Hacking-Methode. Dabei werden in Gehegehaltung aufgezogene Jungtiere im Alter von rund 90 bis 100 Tagen aus dem Horst der Elterntiere entnommen. Sie werden zu einer gut geschützten Auswilderungsnische im Alpenraum transportiert und mit ein bis zwei weiteren Junggeiern freigesetzt. Die noch nicht flug-fähigen Jungvögel werden bis zum Erreichen der Selbständigkeit von einem erfahrenen Team durchgehend überwacht und regelmässig mit Futter versorgt. Im Alter von rund 110 bis 130 Tagen wagen die Jungvögel ihren ersten Flug. In den kommenden Wochen lernen sie eigenständig immer besser zu fliegen und auch eigenständig Futter zu suchen.  Diese Methode hat sich sehr bewährt. Es hat sich gezeigt, dass 88% der ausgewilderten Bartgeier das erste Lebensjahr überleben. In den darauf folgenden Jahren steigt die jährliche Überlebensrate gar auf 96%, was für Wildtiere ein aussergewöhnlich hoher Wert ist.

Auswilderungen seit 1986

Die erste Auswilderung fand 1986 im österreichischen Nationalpark Hohe Tauern statt. In den folgenden Jahren wurde das Wiederansiedlungsprojekt nach und nach über den ganzen Alpenraum ausgedehnt. Die erste Auswilderung in Frankreich erfolgte 1987 in Hochsavoyen. Darauf folgte die Schweiz im Jahr 1991 mit einem Auswilderungsstandort im Schweizerischen Nationalpark und ab 1994 wurden Auswilderungen auch in den italienischen und französischen Südalpen durchgeführt. Im Verlauf des Projektes kamen immer wieder neue Regionen dazu. So erfolgten weitere Auswilderungen auch im italienischen Nationalpark Stelvio, in der französischen Region von Vercors, sowie in den Schweizerischen Wildtierschutzgebieten Graue Hörner (Kanton St. Gallen) und Huetstock (Obwalden). Insgesamt wurden bis ins Jahr 2015 204 junge Bartgeier erfolgreich im Alpenraum ausgewildert (s. Tabelle).

 

Die Wildpopulation etabliert sich

Dank den Auswilderungen im Alpenraum konnte sich wieder ein Bartgeierbestand in den Alpen etablieren. Es dauerte jedoch elf Jahre bis erstmals wieder eine Wildbrut in den Alpen erfolgreich war. Im Jahr 1997, rund 80 Jahre nach dem Verschwinden der Bartgeier aus dem Alpenraum, ist in Hochsavoyen erstmals wieder ein wild-geschlüpftes Jungtier ausgeflogen. In den kommenden Jahren ist dann der Erfolg bei den Wildbruten nach und nach angestiegen. So sind bis zum Jahr 2015 insgesamt 148 Wildbruten geglückt (s. Tabelle).

Ausblick

Der Gesamtbestand im Alpenraum wird auf rund 220 bis 250 Tiere geschätzt (Stand 2015). Dennoch ist das Projekt noch nicht abgeschlossen. Die genetische Diversität der Wildpopulation ist noch sehr klein, so dass ohne weitere Auswilderungen in wenigen Generationen mit einer starken Inzucht zu rechnen wäre. Zudem sind Bartgeier in der Zentralschweiz, wo der Bartgeier im 19. Jahrhundert ebenfalls ein Brutvogel war, noch selten anzutreffen. Deshalb wildert die Stiftung Pro Bartgeier in den kommenden Jahren  jährlich zwei bis drei junge Bartgeier beim Eidgenössischen Wildtierschutzgebiet Huetstock im Kanton Obwalden aus. Zudem gilt es die sorgfältige Überwachung des noch sehr kleinen Bestandes weiterzuführen und den Schutz dieser empfindlichen Art sicherzustellen.