Knochenbrechen

Auch heute flog Wildi wieder zum Henglihang, um zu fressen. Dabei flog er mit Futterstücken in den Füssen immer wieder kurze Strecken, um an ruhigeren Orten das Futter zu schlucken. Schliesslich nahm er einen etwa 15 Zentimeter langen Knochen mit in die Lüfte, landete damit mehrfach, ohne ihn schlucken zu können. An seinem letzten Sitzplatz wurde er von einem wildgeschlüpften Bartgeier aufgescheucht, mit dem er dann einige Minuten lang im Flug rangelte. Dabei musste Wildi seinen Knochen loslassen, der zu Boden fiel. 

Normalerweise können Bartgeier Knochen mit einer Länge von bis zu 25 Zentimetern mit Leichtigkeit schlucken. Allerdings gibt es in der Natur auch grössere und dickere Knochen. Dafür haben Bartgeier eine spezielle Technik entwickelt. Sie nehmen die grösseren Knochen in die Füsse und schrauben sich 50 bis 80 Meter in die Höhe. Dort lassen sie die Stücke fallen und landen neben dem aufgeprallten Knochen. Ist dieser nicht zerbrochen, wiederholen die Vögel diesen Vorgang bis zu 50-mal. Für die sogenannten „Knochenschmieden” nutzen die Bartgeier Geröllhalden oder grosse Steinplatten, die nicht zu steil sind, sodass die Knochensplitter nicht den Hang hinunterrollen können. Das Verhalten des Knochenbrechens ist Jungtieren in groben Zügen angeboren. Sie üben häufig zunächst mit Ästen, ohne ein sinnvolles Ergebnis zu erzielen. Bis ein Bartgeier das Knochenbrechen so erlernt hat, dass der Knochen selbst bei Wind auf dem Zieluntergrund landet, muss er viel üben. 

Wildi trägt schon länger Futterstücke mit sich herum, um sie an ruhigeren Orten zu fressen. Das ausgelegte Futter enthält selten grosse Knochen, die nicht schluckbar sind, da Wildi noch zu jung ist, um das Verhalten des Knochenbrechens gemeistert zu haben. Aber er wird bald mit dem Üben beginnen. 


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